Wo sind denn all unsere Ideale? – Ich hab sie lang nicht mehr gesehn‘!

Wir leben in einer Zeit der alternativen Fakten, des Populismus und der gefühlten Wahrheiten. Emotionen in Diskussionen sind gleichermaßen üblich und verachtet. Alles soll sachlich und neutral sein. Eine Presse die sich auf belegbare Fakten beruft ist Linksversifft, weil die Fakten nun mal sind, dass wir in einer ungerechneten Gesellschaft leben. Ungerecht, für die schwächeren unseres Systems. Ob durch ihr Geschlecht, ihre Herkunft oder Bildung. Der Ungleichheiten gibt es viele und der scheinbar pragmatische Ansatz der Selbstbestimmung (und damit auch Selbstverschuldung) macht es denen die im System bestehen leicht sich nicht für die anderen verantwortlich zu fühlen. Egal ob Menschen die sich aus der „Arbeiterklasse“ die’s vor zwei Generationen noch gab, hochgearbeitet haben oder Frauen die sich nicht benachteiligt fühlen, weil sie das Glück hatten nicht so stark davon betroffen zu sein wie andere. So wie ich, die einfach viel Glück in ihrer Sozialisation und ihrem Wesen hatte und bisher immer ernst genommen wurde.

Wie gefährlich es ist von sich auf andere zu schließen, sieht man wenn man sich die Gesellschaft anschaut. Wie seit jeher, haben die Zeit sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinander zu setzen, die nicht jeden Tag mit dem bloßen „über die Runden kommen“ beschäftigt sind. Wenn diese dann aber von sich auf Andere schließen, den Werbeslogan des Kapitalismus: „Du kannst alles werden wenn du dich nur bemühst!“, allzu ernst nehmen. Wer sich denkt: „Wenn du nur …. bist, bist du selbst schuld!“, der eignet sich als Kritiker*in nicht. Denn dieser Gedanke, ist die reine Reproduktion des Systems in dem wir leben. Und er fängt klein an.

Wenn man den Gedanken der Selbstverantwortung zu Ende denkt, den ich im Ansatz ja nicht verkehrt finde, ich befürworte die Idee des freien Willens, dann ist man an so ziemlich allem selbst schuld. Am Ausrutschen in der Dusche, auch wenn’s äußere Einflüsse gab, an schlechten Noten, auch wenn’s daran lag, dass die Eltern weniger Geld für Nachhilfe haben als andere, daran wenn man vergewaltigt wurde, weil man sich ja nicht genug gewährt hat, daran welchen Job man hat, auch wenn man durch die Pfadabhängigkeit nie eine andere Chance hatte, daran, dass man mit Radikalen seiner Religion in einen Topf geworfen wird, weil man sich ja distanzieren könnte, man kann mit der Selbstverschuldung sogar das Solidarprinzip der Krankenkassen in Frage stellen, schließlich gibt es genug Erkrankungen die durch den Lebensstiel verstärkt oder gar erst durch ihn verursacht werden und und und …. Man kann für so ziemlich alles einen Grund finden, sich selbst nicht mit befassen, sich nicht mitverantwortlich fühlen zu müssen. Man soll sich auch nicht für alles mitverantwortlich fühlen. Es gibt ja durchaus noch halbwegs unbeeinflussbare Dinge. Nein nicht Wirtschaft und Politik, wie ein Kommilitone mal meinte. Aber Gravitation, Glatteis oder die Sterblichkeit des Menschen. Man ist nicht für alles was anderen passiert verantwortlich, aber man sollte sich seiner Mitverantwortung bewusst sein.

Wenn Leute in einer S-Bahn zuschauen wie ein Mann mehrere Frauen belästigt oder wie Jugendliche jemanden an der Station zusammen schlagen, sprechen wir von mangelnder Zivilcourage. Erinnerung: bei Zivilcourrage geht es nicht darum sich selbst in Gefahr zu begeben sondern durch Aufmerksamkeit und Präsenz die Täter*innen abzuschrecken oder durch das Rufen der Polizei eine rechtliche Konsequenz für diese zu ermöglichen. Das so etwas in der Öffentlichkeit toleriert wird ist also mangelnde Zivilcourrage, aber wie nennt man es wenn das Leiden anderer in Abwesenheit geduldig hinnimmt? Zum Beispiel, die Diskriminierung der Frau per Gesetze. Die Hilflosigkeit von Opfern häuslicher Gewalt. Das Missbrauchsopfer in unserer Gesellschaft nicht ernst genommen werden und solange Artikel a la „Was eine Vergewaltigung ist, entscheidet die Frau in Zukunft am Tag danach“ veröffentlicht werden, werden sie dies nicht. Das es Bildungsungerechtigkeit nicht gibt und bei weitem nicht jede*r dieselben Chancen hat. Wie nennt man das, wenn man seine Augen vor solchen Dingen verschließt? Kann man bei diesen Fällen von „Selbstverschuldung“ sprechen, sind es doch Dinge die vor allem durch andere beeinflusst oder verursacht werden? (Ja, auch in Bildungsfragen, schließlich kann niemand etwas für den Bildungs- oder Finanzstand der Eltern.)

Die politischen Diskussionen sind derzeit alle sehr von gefühlten Wahrheiten dominiert. Was man nicht selbst erlebt existiert auch nicht und was man selbst so fühlt ist plötzlich gesamtgesellschaftlich gültig. Wer nicht selbst Schuld an seinem Leben sein will, macht andere verantwortlich. Unpraktischer weise, noch schwächere, weil das leichter ist. Nicht etwa die welche die Situation tatsächlich mit verursacht haben. Es scheint ein gefühlter Fakt zu sein, dass Politik und Wirtschaft unveränderlich sind. Vielleicht auch, weil diese selbst gern so tun. Sie bedienen sich dem Ist-Zustand um zu unterstreichen, dass es anders ja nicht ginge. Gegen Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen wird mit „Problemen“ argumentieren, die vom bestehenden System ausgehen. Es werden schnelle statt nachhaltige Lösungen gesucht immer unter der Prämisse: pragmatisch oder realistisch zu sein. Ich bin selbst ein großer Fan von Pragmatismus. Allerdings im folgenden Sinne:

„Pragmatismus bedeutet, das konsequente Verfolgen einer Logik, nicht die Abwesenheit von Idealen“

Doch mit solchen Sätzen muss man vorsichtig sein. Nicht selten muss ich mir in Diskussionen sagen lassen zu moralisch zu argumentieren. Moralische K.O Argumente rauszuholen, die ein wiedersprechen unmöglich machen. So sehr ich mich bemühe dies zu lassen um Raum für Diskussionen zu machen, frage ich mich inzwischen: ist es so verkehrt sich bei Entscheidungen bewusst zu machen welche moralische Einstellung dahinter steht?

Früher ging es z.B. in den Gesellschaftswissenschaften noch darum Theorien zu entwickeln wie eine bessere Gesellschaft aussehen solle. Zum Beispiel eine Gerechtere und wie diese zu erreichen ist. Gesetze wurden, entsprechend dem Bild einer Verbesserung diskutiert und beschlossen. Wo die Wirtschaft sich gerne vorgaukelt neutral zu sein, ist die Politik von moralischen Fragen geprägt. „Was darf man, was nicht?“,  „Wie viel Verantwortung übernehmen wir für einander“ , „Um wen wird sich gekümmert“, „Was tun wir für die nächste Generation?“, „Wie gehen wir mit Minderheiten um?“, „Was ist unser Bild einer besseren Gesellschaft?“ oder auch: „Heißt Gerechtigkeit, allen soll es gleich schlecht oder gleich gut gehen?“ – eine sehr zentrale Frage heutzutage wie ich finde. Egal ob Liberale, die das wirtschaftliche Wohl über das menschliche stellen, gemäß dem Wirtschaftsliberalen sing sang: „Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s dem Menschen gut!“ oder den Gefühlt-„diskriminierten“ im eigenen Land die Angst vor einer Überfremdung durch 2% haben. Beides hat zum Fazit: „Wenn ich von einer Gesetzlichen Regelung nichts habe, kann man sie Streichen“.

Ich bin mir bewusst wie viele Diskussionen man mit moralischen Argumenten zum Erliegen bringen kann. Die Frage ist nun: ist das so verkehrt? Ist es falsch Diskussionen über Regelungen die unserem moralischen Grundsatz wiedersprechen gar nicht erst zu führen? Zeigt das nicht, dass sie zu einer Gesellschaft führen würden die die meisten von uns nicht haben wollen würden? Sollte man nicht vielleicht sogar mehr daran erinnern, dass politische Entscheidungen genau dieses Ziel haben sollten? Eine Ideale Gesellschaft zu erschaffen? Ungeachtet welchem Ideal man persönlich folgt, ist eine Entscheidung moralisch nicht rechtfertigen zu können nicht ein Zeichen dafür, dass es dem eigenen Ideal wiederspricht? Dass man sich vielleicht von Egoismus statt von Idealismus hat verleiten lassen und dies dem eigenen Idealselbst wiederstrebt? Ist dieses „entwaffnet fühlen“ nicht ein Zeichen dafür, dass man sich selbst im Widerspruch wieder findet?

Es geht nicht darum alternative Fakten oder Gefühlte Wahrheiten zu akzeptieren, sondern darum sich der langfristigen Konsequenz einer scheinbar pragmatischen oder wirtschaftlichen Entscheidung für die Gesellschaft zu machen. „Wem hilft es?“, „Wem schadet es?“, „Welchem moralischen Grundsatz gehört diese Entscheidung an und kann ich diesen vertreten?“ Pragmatisch zu entscheiden, heißt nicht moralische Fragen auszuklammern. Im Gegenteil, es heißt sie konsequent zu Ende zu denken. Wer in der Politik für sich deklariert pragmatisch oder gar neutral zu sein, sollte schauen ob man sich der moralischen Komponente die man mitvertritt, vielleicht einfach nicht bewusst ist. Ob man sich nicht zu sehr einer Wirtschaftslogik bedient und wer dies bewusst tut sollte sich noch viel dringender fragen: „Wer hat durch das Wirtschaftsmodell dem ich folge Vorteile, wer Nachteile und kann ich das mit meiner Verständnis von Moral vereinen?“ Wenn nicht, lasst euch eins gesagt sein: Auch in der Wirtschaftswissenschaft ist es erlaubt neues zu erschaffen, vielleicht sogar mit dem Gedanken: „Wie erschaffen wir eine bessere Gesellschaft?“, eine in der wir weder an- noch abwesend wegschauen und ausblenden müssen damit wir guten Gewissens schlafen gehen können.  In der wir Selbstbestimmtheit wieder als Apell zur Partizipation auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft verstehen und nicht als Ausrede wenn wir andere sich selbst überlassen.

 

 

 

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