Gefühlsblindheit, Liebe und ich.

Ich möchte gerne erklären wie es ist Gefühlsblind zu sein. Weil ich mit vielen „Vorurteilen“ die mir in Gesprächen begegnen aufräumen möchte. Als erstes: es ist zwar mit dem Autismus gemeinsam Diagnostiziert worden, bzw. wenig später im Zusammenhang mit dem Autismus – tritt aber nicht zwangsläufig gemeinsam auf. Natürlich sind sie ab und zu sehr eng verknüpft. Zum Beispiel bei der Frage andere Menschen zu verstehen. Durch den Autismus bedingt fällt es mir z.B. schwer nonverbales einzuordnen. Durch die Gefühlsblindheit, ja… was macht die eigentlich mit mir? Das Problem ist, dass mir eben gerade dafür viele Worte fehlen. Wie im letzten Text „Erklärungsversuche“ schon beschrieben. Es ist als versuchen ein Blinder und ein sehender sich zu unterhalten. Über die Farbe von Blumen. Ich habe also gerade sehr viele angefangenen Texte die irgendwie im Nichts enden. Aber eins haben sie alle gemeinsam:

Ich mag den Begriff „Gefühlsblind“ nicht, weil ich mich nicht blind fühle. Vielmehr weitsichtig. Ich brauche halt immer ein paar Minuten, Stunden, manchmal Tage um auf sehr einfache Fragen – die auf meinen Gefühlszustand abzielen eine Antwort zu finden. In dem Moment selbst merke ich nur, dass irgendwas nicht Stimmt. Tage später weiß ich, dass ich verletzt war und kann auch ganz konkret sagen wovon.  Der Zugang zu meinen Gefühlen ist halt irgendwie langsamer, schwerer und ich habe auch, wie es scheint, ein anderes Gefühlsspektrum.

Ich kenne das Gefühl von einem schlechtes Gewissen nicht wirklich, zumindest nicht so wie es mir von anderen beschrieben wird. Mir tut es leid, wenn ich jemanden verletzt habe. Aber weder quält es mich noch tritt das schlechte Gewissen schon bei kleinen Dingen auf. Manche haben schon bei kleinen Verfehlungen ein schlechtes Gewissen, eine Höflichkeit nicht annehmen oder so. Das kenne ich nicht. Wenn mir etwas angeboten wird, dann, weil ich es auch ausschlagen kann. Wenn ich das dann tue habe ich kein schlechtes Gewissen. Nein. Ich bedaure, wenn ich jemanden verletzt habe, das ja. Aber schlechtes Gewissen, nein – das sagt mir nichts. Unter anderem deswegen, lasse ich manchmal im Spaß, manchmal etwas ernster fallen, dass ich ein Arschloch bin. Zumindest habe ich viel Potenzial eines zu sein…

Genauso wenig kenn ich Schadenfreude. Ich freue mich wenn ich jemandem etwas beweisen kann oder das schlechte verhalten von anderen mit Erfolg kontern kann. Aber nicht mit dem Interesse ihnen zu schaden, ich könnte nicht mal so weit gehen jemandem absichtlich zu schaden oder hinzunehmen, dass jemandem geschadet wird. Einen Dämpfer verpassen ja – aber Schaden nicht. Wie man dabei Freude empfinden kann ist mir ein Rätsel. Leider ist mir das Ambivalent auch ein Rätsel. Mitgefühl. Also wirklich mit jemandem Mitzufühlen, mit zu Leiden. Mitleid empfinden. Ich kann für so ziemlich jedem Gefühl und Verhalten Verständnis aufbauen. Ich meine dieses Verständnis dann auch absolut ernst, ich finde es sehr schwer irgendwem aus Gefühlen resultierendes Verhalten vorzuwerfen. Doch das hat nichts mit Empathie zu tun, nichts mit Mitgefühl oder Mitleid. Mir können die schlimmsten Sachen erzählt werden, ich weiß, dass es schlimm ist und ich finde es schlimm, dass jemand sowas erleben musste. Je nachdem um wen es geht macht es mich auch wütend. Aber ich leide nicht. Ich geh nach Hause und schlafe ruhig. Lege am Telefon auf und habe einen lustigen Abend. Selbst wenn es mein bester Freund ist. Dass das bei anderen anders ist, wenn ich ihnen etwas erzähle – das kann ich mir schlicht nicht vorstellen. Nicht dass ich mir keine Gedanken mache, wenn ich sehe, dass es Freunden schlecht geht. Ich denke drüber nach wie ich ihnen helfen kann, was ich ihnen Gutes tun kann oder was ihr Problem sein könnte. Oft brauch ich für diese Gedanken aber nicht lange. Nicht weil ich Empathisch bin, sondern weil ich sehr analytisch an sowas herangehe. Muster zu altem Verhalten oder Aussagen von ihnen erkenne und dann schnell weiß was das Problem ist. Dann sorge ich dafür, dass sie wissen, dass ich für sie da bin – bin das dann egal wie schwer es mir fällt und vorzugsweise mit Ratschlägen und dann kann ich auch ruhig schlafen. Dass ich so mein mangelndes Empathievermögen ausgleiche und meine Freunde gerade diese Rationale Art schätzen und es für manche sogar genau das ist was sie brauchen, ist der einzige Grund, dass ich mich nicht damit schlecht fühle so zu sein. Denn wenn einem erzählt wird was einem angetan wurde und die einzige Reaktion in einem ist, dass man spürt, dass man mitleiden sollte. Dass da mehr als Regungslosigkeit sein sollte – dann fühlt man sich schrecklich und definitiv nicht ein guter Mensch oder eine gute Freundin.

Nicht nur „Was ist das“ werde ich gefragt, sondern auch „Woher kommt das“. Das lässt sich aber kaum beantworten. Weder allgemein über Gefühlsblindheit noch bei mir persönlich. Es gibt Thesen, dass es durch ein Trauma ausgelöst wird und Indizien dafür, dass es irgendwie angeboren sein muss. Ich find den Gedanken des Angeboren seins besser. Weil ich dann nicht mehr weiter in meiner Vergangenheit kruschten muss, weil ich dann nicht überlegen muss ob ich anders hätte sein können, weil meine Mam sich keine unbegründeten Vorwürfe machen kann, weil es erklärt warum ich irgendwie immer schon so war und weil es heißt, dass ich nicht fremdbestimmt bin. Ein Trauma würde wieder heißen „jemand hat mich kaputt gemacht“ und diesen Gedanken, war ich sehr froh los zu sein.

Es ist viel leichter für mich nachzuvollziehen, dass ich immer schon so war. Ich habe nur  lange nicht gewusst, dass andere Menschen anders funktionieren. Ich wusste nicht was los ist, hab verschieden sein einzig auf verschiedene Erlebnisse und Erfahrungen geschoben. Ich wollte nicht anders sein. Vor allem als Kind nicht. Ich war’s aber. Das hab nicht ich nicht nur gemerkt und gespeichert, sondern auch daran gemerkt, dass ich oft missverstanden wurde. In der Grundschule habe ich meinen Freundinnen mal Zettel geschrieben, ob sie mich mögen. Meine Mutter war irritiert, dass ihre sonst so selbstbewusste Tochter diese Bestätigung braucht. Für sie war es ein Zeichen von Unsicherheit, von mangelndem Selbstbewusstsein. Dabei hatte ich davon schon immer eine ganze Menge. Für mich war es damals, ja Unsicherheit, aber nur im Hinblick darauf, dass ich schlicht nicht wusste wie ich‘s anders erfahren sollte als dadurch die Gefühle meiner Freundinnen abzufragen. Dann bin ich größer geworden, hatte immer wieder Probleme mit Freundschaften. Gerade damit wahrzunehmen, anderen wichtig zu sein. Ich habe mich zerrissen gefühlt, zwischen meinen Gefühlen und meiner sehr rationalen Seite die die Gefühle oft überlagert hat. Ich habe es darauf geschoben, wie beide Elternteile zu sein. Ein Elternteil ist bei mir sehr Rational, einer sehr Emotional. Ich war halt irgendwie beides. „Ich habe Gefühle, aber…“ in meiner ersten Beziehung habe ich meinem Freund vorgeworfen, dass ich zwar weiß, dass ich er mich liebt. Dass ich er aber spüren möchte. Da ich mir ehr Rationalere Ruhigere Partner aussuche konnte es prima auf ihn schieben. „Er ist ebenso. Er kann Gefühle halt nicht so zeigen“ Was quatsch war. Ich habe bis heute eine Kiste mit Liebesbriefen von ihm. Wir waren fast 2 Jahre zusammen, danach habe ich von vielen Typen gesagt bekommen, ich sei in sie verliebt – lange bevor ich in der Lage war mich wirklich auf sie emotional einzulassen. Selbst mein letzter Freund dachte viel vor mir, mir „zu“ wichtig zu sein, bevor er mir wirklich wichtig wurde. Um niemanden damit zu verletzen, wenig Gefühle zu spüren, habe ich immer viele Gefühle gezeigt. Hab gelernt mich liebevoll zu verhalten und überfordere mit Lieblingssachen machen, Zettelchen schreiben und ähnlichem dann schnell. Weil es eben nicht nach meinem Gefühl entsteht – sondern danach wie ich glaube, dass andere das zeigen würden. Blöd nur wenn 90% unserer „wie es bei anderen ist“ hauptsächlich durch übertriebene Filme entstanden ist.

Ich kann also selbst nicht so empfinden wie andere, aber ich kann ihr Verhalten, zum Beispiel, wenn sie verliebt sind nachahmen. Also mach ich das, also wirke ich verliebt, lange bevor ich es wirklich bin. Wenn ich es dann wirklich bin, scheint es auch irgendwie anders zu sein, aber da blicke ich selbst noch nicht ganz durch. Noch was spielt allerdings in dieses wiederkehrende Missverständnis rein: Ich habe für Freunde und Partner dasselbe Gefühl von Liebe. Damit meine ich, die selbe Intensität und schlicht dasselbe Gefühl. Es unterscheidet sich lediglich darin, dass ich den einen auch körperlich nach sein will und den anderen nicht. Wen ich einmal liebgewonnen habe, der bedeutet mir viel und da gibt es dann keinen Unterschied mehr. Deswegen habe ich oft das Gefühl mich entscheiden zu können mich zu verlieben. Weil ich entscheide jemanden näher an mich heran zu lassen, wenn es dann auch noch sowohl emotional als auch körperlich ist- dann ist es eben verlieben. Wenn ich mich dazu entschlossen habe, kann ich es auch dazu stehen. Also sage ich auch sehr schnell „ich liebe dich“. Weil es für mich kein großer Schritt ist, weil ich alle meine Freunde „liebe“. Damit meine ich nicht nur meinen engsten Kreis an aller besten Freunden für immer und ewig, sondern meinen ganz normalen Freundeskreis – die ca. 15 Menschen die mir spontan einfallen, die ich als Freunde bezeichnen würde.

Liebe ist vielleicht das einzige Gefühl, dass ich wirklich klar empfinden kann. Dafür halt irgendwie anders. Es ist wie ein Grundgefühl. Ich liebe meine Familie, Freunde, meine Hobbys und mich selbst. Ich habe mal gesagt „Liebe ist der Glaube an eine Idee“, das sehen ich bin heute so. Wenn ich jemanden Liebe – Dann weil ich an ihn und mich glaube. Egal ob Freund oder Partner. Meine Familie liebe ich, weil ich daran glaube, dass diese Liebe bedingungslos ist, dass wir einander brauchen und helfen. Meine Hobbys liebe ich, weil ich konkrete Ideen habe, was ich erreichen will und an diese glaube oder manchmal auch nur, weil ich dran glaube, dass sie mir guttun. Mich selbst liebe ich, weil ich an mich glaube. Egal wie sehr das manchmal ins Wanken gerät. Wie sehr Rückschläge einem zusetzen oder mir Sachen in denen ich gut bin wie selbstverständlich erscheinen. Egal wie sehr ich es manchmal nicht mag so zu sein wie ich bin, weil es so vieles erschwert und ich schon Sachen verstört habe, die mir wirklich wichtig waren. Ich halte trotz allem viel von mir und bin froh mir das erhalten zu haben. Vielleicht sogar ein bisschen stolz. Diese Liebe zu mir motiviert mich ein guter Mensch zu sein, egal wie schwer das manchmal fällt, wenn man beim Trösten nicht weiß dem anderen helfen könnte. Wenn man bei schlimmen Geschichten sich innerlich die Achseln zucken sieht. Es fällt mir vielleicht schwer mir die Gefühle anderer Vorzustellen, aber solange sie mir nicht egal sind, wird ich meinem Anspruch an mich immerhin gerecht. Auch das klingt irgendwie wieder Egozentrisch – weil ich es am Ende für mich tue. Aber ist die Motivation so wichtig? Ist das Ergebnis nicht viel relevanter? Es ist schließlich auch egal ob man jemandem aus Dummheit oder aus Böswilligkeit schadet. Ist es andersrum dann nicht dasselbe?  Egal ob für einen selbst oder andere, Hauptsache man tut Gutes?

Also bin ich ja nicht wirklich Blind für Gefühle. Ein Bilder Mensch kann nicht sehen, egal was er tut. Ein blinder Mensch kann dafür gesehen werden. Bei mir ist es quasi andersrum. Ich kann fühlen, auf welche Art auch immer, nur mit dem gefühlt werden. Dem verstehen, dass andere selbe Gefühle für mich haben. Das ist schwer, vielleicht manchmal unbegreiflich für mich. Aber eben nicht, weil ich ein mangelndes Selbstbewusstsein habe. Nicht weil ich mich nicht für Liebenswert halte, sondern weil sie ihre Gefühle anders nennen. Weil ich mit diesen Begriffen nichts anfangen kann und weil ich eben Gefühlsblind bin. Ich brauche Dinge an ihrem Verhalten die ich so klar einordnen kann, dass ich weiß „Das würden sie nicht tun, wenn sie mich nicht lieb hätten“ Denn aus dem Alter Zettelchen mit ja – nein – vielleicht zu schreiben bin ich leider raus. Auch wenn so viel Klarheit manchmal das größte wäre. Andere Menschen funktionieren eben anders, dass weiß ich heute und das macht es zwar nicht immer einfach, aber doch irgendwie spannender.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s