Ein Nachmittag im Buchladen

Neulich – gestern –  in Duisburg. Eine Freundin und ich waren in der Stadt. Was allgemein in Duisburg eine ehr dumme Idee ist, mit der richtigen Intention – unproduktiv sein – aber erträglich. Nachdem wir alles was wir brauchten nicht gefunden haben, dachten wir uns „Uh, lass uns in den Buchladen gehen!“ Warum auch immer wir das dachten, wir brauchten weder neue Bücher noch ein Geschenk. Trotzdem zog uns die Geschenke- und Weihnachtsecke magisch an. Ja, die Weihnachtsecke. Es ist unabdinglich jetzt schon Geschenke und Grußkarten zu kaufen- könnte ja sein, dass man sonst ganz spontan von Weihnachten überrascht wird.

Kaum am Auslagentisch angekommen springt es uns in Auge „24 Ding, die Frau, vor Weihnachten getan haben muss“ Da wussten wir spontan nicht was uns daran am meisten nervt. Dass es wieder dieses „Listenaufgeben“ ist, dieser Normschaffende Blödsinn, weil man ja nicht selbst für sich rausfinden kann, was man vor Weihnachten noch so erledigen möchte oder dass es sich unbedingt an Frauen richten muss. Beim Aufschlagen war dann aber klar, dass eben genau dieses an Frauen gerichtete, das wirklich nervige daran ist. Eine Skizze zeigte eine Frau im Elfen Kostüm. Natürlich knapp, die dazu gehörige Aufforderung war: „Verkleide dich als Weihnachtselfe, geh in ein Kaufhaus und bewerte die Kundenfreundlichkeit der Verkäufer“ Eine tatsächlich recht witzige Idee, müsse man dies nicht gerade in knappem Elfenkostüm verpacken.

Ein Regal weiter, bei den Geschenkideen erreichten wir dann die Pforte zur Hölle der Geschlechterklischees. 100 Dinge die Frau, einmal im Leben getan haben sollte und direkt daneben das Gegenstück 100 Dinge, die Mann einmal im Leben getan haben sollte. Locker eine halbe Stunde waren wir damit beschäftigt uns die Best ofs vorzulesen, kaufen wollten wir‘s dann aber doch nicht. Hier unsere Highlights:

Ein Mann sollte „Einmal im Leben“ ein Regal eines schwedischen Möbelherstellers (ich glaube sie meinten Ikea, aber pscht) ohne Anleitung aufbauen. Bei Frauen waren sie weniger fordernd. Eine Frau sollte einmal im Leben ein Regal, jenes ominösen Möbelhauses, ALLEINE zusammengebaut haben. Damit man das auch schön abhaken kann, gibt es unten in der Ecke einen kleinen Kreis neben dem „Erledigt“ steht. Beiden Geschlechtern wird dazu geraten Dinge selbst zu tun. Wortwörtlich heißt es bei den Frauen „Do it yourself“ meinen tut er damit: Sticken oder Nähen. Den Männern rät er schlicht: Hake ein Tag Holz. Auch weitere praktische Aufgaben für die Zukunftsplanung sind enthalten. So sollen Frauen sich einen Millionär angeln und Männer ein Haus bauen. 1,2 Millionen Millionäre in Deutschland auf 8 Millionen Frauen (zwischen 18 und 34, also in dem Alter in dem man diese Liste abarbeiten sollte, schließlich gibt es ab 30 wieder andere Bücher.) passt schon. Wie viele der Millionäre unverheiratet oder gar Single sind konnten wir auf die Schnelle nicht rausfinden, aber das sind ja auch unwichtige Details. Geh ins Station bzw.  Bügel dein Hemd selber. Noch so zwei Dinge die in unseren Augen schön zusammenpassen. Dinge halt, die das jeweilige Geschlecht gewöhnlich nicht tut. Ich kann das verstehen, ich find bügeln auch scheiße – mach ich auch nie. Gut, ins Station geh ich auch nicht, spontan fallen mir trotzdem mehr Frauen ein, die ich kenne, die Regelmäßig ins Stadion gehen als Männer. Haben wohl alle einen genetischen Defekt. Fun Fact: während ich schreibe, recherchiert meine Freundin und fand einen Psychotest der sie als 100% männlich outet. Wäre mir nie aufgefallen, danke Internet. Ich geh morgen mit ihr zum Arzt!) Ist ja nicht normal sowas- von Geschlechterklischees abweichende Interessen, igitt! Ich bin übrigens ein Neutrum. Was man alles über sich lernt. Zurück zum Buch: „Küsse eine Frau“ hier zu fanden wir leider kein Gegenstück. Der Anreiz sich küssende Männer vorzustellen, scheint dem Autor (die männliche Form ist übrigens vollkommen berechtig. Die Bücher wurden beide von Joachim Groh geschrieben) gefehlt zu haben. Mach in aller Öffentlichkeit eine filmreife Szene – überraschend, dass Jochen das mit seinem Frauenbild für was besonders hält.„Sag nein“ & „sag jemandem lautstark deine Meinung“ durfte natürlich nicht fehlen. Ist schließlich nichts Alltägliches für eine Frau. Ebenso wie Männern geraten wird: Heul doch. Über die Wortwahl der Vermittlung ließe sich einwandfrei streiten. Punkt 100 bei den Frauen: Heiraten (zuvor kommen natürlich Punkte wie: Traumprinz finden, einen Wildfremden und viele Frösche küssen  obligatorisch in regelmäßigen Abständen) Bei Männern ist man entspannter: Punkt 7 ist: Heirate oder mache wenigstens einen Antrag.(Fun Fact: Beim Recherchieren über Jürgen Groh haben wir noch ein Buch gefunden: „100 Dinge die Beste Freundinnen einmal im Leben getan haben sollten“ Bei der Online Einsicht kommt: Entdeckt eure Hausfraueninstinkte“ Wer an die Grenze von Lachen und Weinen kommen möchte, kann diesem Link gern folgen und den Text zu dieser Aufgabe lesen)  

Nach diesem Fund haben wir uns vorgenommen aufmerksamer durch den Laden zu laufen und all diese Geschlechterklischees am Leben erhaltende Bücher zu finden. Wir haben vermutlich nicht ansatzweise alle gefunden, aber eine ganze Menge. Direkt bei dem Tischlein, auf dem Johannes Bücher zur Auslage lagen, befand sich ein Regalbrett mit Büchern für Geburtstage. Eine ganze Reihe voll mit: „Was Frau mit 70 nicht mehr tun muss“ , „Was Mann mit 70 nicht mehr tun muss“, „Was Frau mit 65 nicht mehr tun muss“ , „Was Mann mit 65 nicht mehr tun muss“, „Was Frau mit 60 nicht mehr tun muss“ , „Was Mann mit 60 nicht mehr tun muss“, „Was Frau mit 50 nicht mehr tun muss“ , „Was Mann mit 50 nicht mehr tun muss“, „Was Frau mit 40 nicht mehr tun muss“ , „Was Mann mit 40 nicht mehr tun muss“, „Was Frau mit 30 nicht mehr tun muss“ , „Was Mann mit 30 nicht mehr tun muss“ und zu guter Letzt: „Was Frau mit 18 nicht mehr tun muss“ &  „Was Mann mit 18 nicht mehr tun muss“, alle samt von Michael Kernbach geschrieben. Hier kommt zusätzlich zu der Geschlechterunterscheidung und dem Verhalten vorsagen auch noch das Alter. Wie wir alle wissen, sind alle Menschen in dem selben Alter vollkommen logischer Weise auch im selben Punkt ihres Lebens. Stumpfsinniges Kopf gegen den Bücherschrank schlagen war uns nicht mehr genug, wir sind weitergegangen. Zu den Ratgebern.

Nicht ohne Unterwegs dorthin noch einige Entdeckungen zu machen. „Die Wahrheit über Männer“ und „Die Wahrheit über Frauen“, „Mädelsabend“ – ein Backbuch, ein Regal extra für Bücher über „Freche Frauen“ – Ein Adjektiv, dass bei „Freche Mädchen – Freche Bücher“ noch verzeihbar war- wirkt als Alliteration und mit Büchern in der Auslage die für erwachsene Frauen gedacht sind, doch irgendwie – befremdlich. Warum brauch es ein extra Regal für „Freche“ Frauen. Wieso sind diese Romane dort einzuordnen? Wieso muss es ein wertendes Adjektiv sein mit dem man Frauen die vom normativ geprägten Klischee abweichen beschreibt?

Von der Kinderecke mit pinken Top Model auslagen, pinken Pferdebüchern und blauen Piraten möchte ich eigentlich gar nicht erst anfangen. Allerdings fiel uns die „Glücksbäckerei“ ins Auge. Keine Ahnung worum es darin geht. Es scheint ein Kinderbuch zu sein, ist mit einem Tipp des Buchladens versehen und auf dem Buchtitel sind neben weichen Farben und Glitzer vor allem eins zu sehen: Mädchen. (Anmerkung der Freundin: mit Schürze! Mindestens eine war mit Schürze!) Spannend ist, dass das Regal mit den Kinderbuchklassikern ohne diese geschlechtsspezifische Farbgebung auskommt. Hier war das einzig blaue Buch: Pipi Langstrumpf. Rosa und Pink fehlten komplett.

Eine weitere Ecke die unsere Reise zu den Ratgebern kreuzte war die „Hobbys & Interessen“ Ecke. Hier haben wir viel gelernt. Auf Fitnessbüchern sind je nach Sportart Männer oder Frauen. Yoga, Pilates und Abnehmen scheinen Frauen- Krafttraining Männersache zu sein. Nicht überraschend, doch immer wieder aufs Neue Bezeichnend. Bei den Back- Strick- und Nähbüchern sind immer noch (Ganz in Jürgen Grohs Sinne) nur Frauen zu sehen. Beim Gärtnern Männer, das hat uns kurz überrascht, bis wir den Titel lasen: „Ackerhelden“.

Spannend war dann noch der Bereich „Biografien“ und auf der Rückseite „Erfahrungen“. Bei den Biografien standen nur Biografien von Männern. Hauptsächlich Politikern genau genommen. Westerwelle, Kohl, Schröder, Schmidt, Genscher, Gauck, Stalin, Mussolini, Hitler und Erdogan. Nicht dass ich über Merkel, Steinbach, von da Leyen, Wagenknecht, Roth, Storch oder Petry was lesen wollen würde. Aber von den meisten der Ausliegenden Männlichen Exemplare eben auch nicht. Das scheint also nicht das Kriterium gewesen zu sein. Bei Erfahrungen dagegen: Viele Frauen. Ist ja auch klar, über mit Emotionen verknüpfte Erfahrungen können Frauen viel besser berichten, als man über Frauen berichten kann die etwas im Leben erreicht haben. Da hat man auch einfach mehr Auswahl. Vom Mama werden wird da dann erzählt oder vom Heiraten. Frauenthemen eben. Wobei das ist jetzt natürlich sehr zugespitzt ist. Es gab auch andere Berichte. Von wirklich interessanten Erfahrungen. Man kann ja dank den Büchern durchaus von Erfahrungen anderer profitieren, dennoch fanden wir es bezeichnend, dass Frauen eben ehr bei mit Emotionen verknüpften Themen zu finden sind, als bei vermeidlich Sachlichen.

Nach diesem Labyrinth durch rosa Bücher und Thematiken die uns suggerierten, dass mit dem „Frau-sein“ nicht so ganz richtig zu machen waren wir bei den Ratgebern. Tatsächlich hätten wir hier ein Meer an dummen Ratschlägen und Geschlechterklischees erwartet. Tatsächlich ging es aber. Es war nicht schlimmer als in den anderen Abteilungen und bei weitem nicht so schlimm, wie bei den Geschenkbüchern. Zu meiner Freude gab es sogar Bücher die dem Mann erklären, dass er nicht Holzhaken und ein Haus bauen muss um ein Mann zu sein und nicht jeder Penis wie die aus den Pornos aussehen muss. Gut, es gab genau diese zwei, aber immerhin. Die obligatorischen „Das Geheimnis wie sich ein Mann wieder in sich verliebt“ war zwar auch dabei und auch eine Flut an Hochzeits- und Sexratgebern waren vorhanden, aber die waren nicht schockierend, allenfalls dumm und / oder banal. Noch mal so richtig unsere Aufmerksamkeit geweckt hat: „Der Frauenversteher“ unter anderem mit einem Diagramm, wie sich Männer im Streit mit einer Frau verhalten und wie sich Frauen ihrerseits verhalten. Hier auch die Best of Erkenntnisse des Diagramms:

Frauen glauben immer recht zu haben. Männer müssen sich immer entschuldigen. Wenn Frau glaubt nicht ernst genommen zu werden, ihre Meinung nicht zur Änderung seiner Meinung führt, lauter werden nichts hilft, er nicht die Fehlerhaftigkeit seines Arguments akzeptiert oder irgendetwas anderes auf dem Weg zu seiner Entschuldigung schiefläuft: weint sie. Mann dagegen hat keine andere Chance als sich zu entschuldigen, entweder, weil er noch Sex will, sein Recht-Haben nicht beweisen kann oder alles Vernünftige erklären nicht hilft und er doch nur wieder angebrüllt wird. Armer Mann! Armer Jürgen Schmieder, der sowas schreibt! Dein Leben muss hart sein. Um es mit Jannes Grohs Worten zu sagen: Heul doch! Kannst du auch gleich ein Häkchen hinter diesen Punkt der Liste setzen.

Solche Bücher und dass es sie auch für erwachsene so klar in Rollenverteilt gibt zeigt mir wie viel weniger weit wir eigentlich sind, als man von 2016 erwarten könnte. Dass diese Geschlechterklischeelawinen vor allem bei den Geschenkbüchern zu finden sind zeigt wie gut sich das immer noch verkauft und das ist traurig, auch ist beachtenswert, dass all diese Bücher Männer geschrieben haben. Nicht dass ich glaube Frauen könnten nicht so sexistisch sein. Dass das geht beweisen Journalistinnen derzeit regelmäßig unter anderem auch in der Zeit. Es ist also auch kein Problem was man auch Bildungsfern oder Bildungsnah beschränken könnte. Im Gegenteil. Dass es Bücher gibt die genauso sexistisch sind wie so manche Privatsender Sendung zeigt auch wieder nur wie verbreitet, wie tief diese Rollenklischees in unseren Köpfen sitzen, wie leicht es ist sie zum Verkauf zu nutzen und wie leicht es zu sein scheint, auszublenden, dass man mit jedem Druck dieser Bücher die Klischees weiter reproduziert.

Ich habe nichts dagegen, wenn Frauen Röcke oder Hohe Schuhe tragen oder sie beides nicht tun. Ich habe nur was dagegen, wenn das „Frau sein“ ihre Identität ausmacht. Da ist dann auch egal welchem Frauenklischee sie entspricht. Genauso bei Männern. Am Ende bekommt uns das Identifizieren übers eigenen Geschlecht nie zu gute. Allein schon, weil man sich dann schnell für andere des eigenen Geschlechts fremdschämen muss. Natürlich sind meine Freundin und ich nicht wirklich in unserer Weiblichkeit verunsichert, auch nicht nach diesem Stadtbummel oder irgendwelcher Psychotests. Wir wissen, dass unser Charakter, unser Wesen, unsere Art mit Dingen umzugehen und auch unsere Interessen nicht mit dem zweiten X-Chromosom kamen. Schade, es lebt sich doch sicher schön, wenn man sagen kann „ich bin halt so“. „Ich bin halt eine Frau“ bzw. „ich bin halt ein Mann“ – sowas kann ich nicht. Es ist doch sicher leichter, wenn man sich die Mühe der Selbstfindung nicht machen muss und einfach fröhlich Listenabarbeitet. „Was man mit 18 nicht mehr tun muss“, „Was Frau/Mann einmal im Leben getan haben sollte“, „Was beste Freundinnen, einmal im Leben getan haben sollten“, „Was man 2017 tun sollte“, „Was Mann/Frau mit dreißig nicht mehr machen muss“, „Männer/ Frauen im Ruhestand“

Zack- leben vorbei ohne einen einzigen selbstreflektierenden Gedanken. Challenge accepted!

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