(Er)Klärungsversuche

Ein neuer Beitrag zum Thema Autismus. Diesmal zum Teilthema Liebe.

Ich wurde in letzter Zeit öfters gefragt wie sich der Autismus auswirkt, oft ging es dabei vor allem um die emotionale Ebene, bei Freunden oder in der Liebe. Hier der Versuch einer Erklärung oder viel mehr ein Sammelsurium der Fragen und Probleme über die ich stolpre, wenn ich mich Freunden zu erklären versuche. Auf das Problem der nonverbalen Kommunikation gehe ich hier erst einmal gar nicht ein, das würde ausufern.

Pragmatismus, in zwischenmenschlichen Beziehungen glaubt einer Frau niemand. Alles muss irgendwie doch ein emotionales, vermutlich verletzliches Motiv haben. Selbst jetzt, wo ich offen mit dem Autismus umgehe, der die Erklärung für diese sehr rationale Herangehensweise an Beziehungen ist fällt es einigen immer noch auffällig schwer keine versteckten emotionalen Motive in meine Aussagen herein zu interpretieren. Typen dagegen traut man keine Gefühle zu. So behalten wir ein Stück weit immer noch die alten Rollenklischees. Wer sein Herz nicht auf der Zunge trägt, hat keins.

Wer sein Herz auf der Zunge trägt, verschluckt sich aber auch schnell. Verspricht sich dem falschen Menschen, verspricht sich beim Sprechen, sagt die falschen drei Worte, zum falschen Menschen weil der Weg zwischen Zunge und Mund zu kurz ist, um zu Reflektieren. So sag auch ich manchmal, die falschen Worte, weil sie für mich was anderes bedeuten. Einen anderen Hintergrund haben.

Wenn ich mich reflektiere, um die richtigen Worte zu finden, denke ich ungefähr so:

Wen – Nein, was liebe ich? Den Menschen? Das was er mir gibt? Das ich ihm was geben kann? Was ist Liebe? Oder zerdenke ich’s zu sehr? Sollten wir lieber unreflektiert in die nächste Beziehung stürzen? In den nächsten Armen Zuflucht suchen, damit wir unsere Hollywoodromantik nicht aufgeben müssen? Was heißt lieben?

Kann ich überhaupt lieben? Wo ich so gänzlich unfähig erscheine irgendein Gefühl anderer auf mich zu beziehen? Gehört zum lieben nicht auch sich lieben zu lassen? Kann ich das? Wo ich für jeden Hass und jede Liebe zu mir Gruppendynamische – oder psychologische Erklärungen auf Grund der Analyse meines Gegenübers habe? Wo ich für alle meine Freunde gleichermaßen empfinde, sie gewissermaßen gleichermaßen liebe, weil es bei mir keine Abstufungen gibt? Liebe ich sie alle gleich doll oder gleich wenig? Ist der einzige Mensch den ich wirklich liebe – ich?

Wie erkläre ich meine Gefühlswelt jemand anderem als mir?

Pragmatismus ist in zwischenmenschlichen Beziehungen für andere nicht verständlich.

Also wie erkläre ich mich? Wie kann man erklären, dass man nur ein Grad an Gefühlen kennt, egal ob für Freunde oder Partner. Wie macht man Menschen verständlich dass es niemanden, unter denen die einem vertraut sind, gibt der wichtiger oder weniger wichtig ist ohne das zwischen einander runter zu spielen. Wie erklärt man, dass man Konflikte klären möchte, nicht weil man so am anderen hängt, sondern weil offene Konflikte nicht pragmatisch, kaum erträglich sind. Wie erklärt man, dass es nicht darum geht etwas in eine bestimmte Richtung drängen zu wollen, sondern man schlicht Unklarheiten nicht ertragen kann. Wie erklärt man, dass so vieles was andere auch kennen trotzdem nicht vergleichbar ist, weil es nicht um „bevorzugte Abläufe“ handelt, sondern es vergleichbar ist mit den Auswirkungen die Höhenangst für Menschen auf Dächern haben kann. In der gesamten Spannbreite.

Wie erklärt man Pragmatismus in zwischenmenschlichen Beziehung mit gleichzeitiger Anwesenheit ernsthafter Gefühle für Mitmenschen und dem ernsthaften Wunsch ihnen nicht das Gefühl der Ersetzbarkeit zu vermitteln. Wie kann ich emotionale Motive für mein Handeln nicht haben und trotzdem nicht emotionslos sein?

Oder anders:

Wie sollen ein blinder – und ein sehender Mensch einander erklären, wie sie die Welt wahrnehmen?

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4 Gedanken zu “(Er)Klärungsversuche

  1. Wichtig ist nur, zu wissen, dass Alexithymie und Autismus zwar miteinander auftreten können, aber nicht müssen. Nur ein geringer Prozentsatz der Autist*innen haben auch Alexithymie, also derartige Gefühlsblindheit. Autist*innen ist eigen, so intensiv zu fühlen, dass sie davon überfordert, überwältigt sind, erst einmal blockieren und daher oft fälschlicherweise so kühl erscheinen.

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