Autismus – zwischen Menschen und Formeln

In diesem Beitrag will ich erste Eindrücke, erste Fazits für mich mit euch teilen. Ich habe die letzten Monate hieran geschrieben und es immer wieder umgeschrieben. Natürlich ist es nur meine und auch nur die erste Erfahrung mit der Diagnose. Vorweg sei genommen: ja hier finden sich durchaus Parallelen zum bereits vorherrschenden Stereotyp (keine Emotionen, Analytisch, etc.) Das ist einerseits meiner Ausprägung des Autismus geschuldet, andererseits meiner noch sehr frühen Phase des Umgangs mit der Diagnose. Bei den „unpopuläreren“ Teile der Ausprägung, sind wir einfach noch nicht so weit, als das ich drüber schreiben könnte. Autismus äußert sich völlig individuell. Umso wichtiger finde ich es, dass man Geschichten teilt. Um weg zu kommen von immer den gleichen Stereotypen die man im Fernsehen sieht. Um Verständnis zu schaffen für einander, um Hydren zwischen einander zu senken. Nicht nur im Hinblick auf Autismus, sondern Grundsätzlich. Wir sind nicht nur Mann – Frau, Jung – Alt, Gesund oder Krank. Es gibt kein normal oder nicht normal. Wir alle sind ein Sammelsurium an Geschichten die uns zu Individuen machen und das hier ist eine (weitere) von mir: 

Autismus – Von der Diagnose zum Alltag

Vor bald fünf Monaten wurde mir diagnostiziert, dass ich Autismus habe. Seit dem lerne ich, was Autismus eigentlich ist. Natürlich war mir irgendwie schon bewusst, dass es mehr als die Ausprägung gibt die immer in Filmen und Serien dargestellt wird. Natürlich ist mir bewusst gewesen, dass es nie nur eine Art gibt wie sich so eine „Krankheit“ zeigt. Trotzdem kam bisher noch nie jemand darauf, mich eingeschlossen, mich mit dieser Entwicklungsstörung in Verbindung zu bringen. Bis jetzt. Nun heißt es also lernen. Lernen und verstehen. Lernen was diese Diagnose bedeutet, was sie für mich bedeutet, was zum Krankheitsbild gehört und was nicht. Verstehen wie ich bisher Unterbewusst mit dem Autismus umging und wie ich in Zukunft im Alltag bewusst mit ihm umgehen kann.

Was bedeutet Autismus (für mich)?

Meine erste Reaktion auf die Diagnose bzw. auf die Verdachtsäußerung meiner Therapeutin, war: Sprachlosigkeit. Dann begann ich zu fragen: aber heißt das nicht? Müsste ich dann nicht? Würde sich das denn so zeigen!? Wie kommen sie darauf? Ich fragte all meine Vorurteile und Vorgeprägten Meinungen ab.

Es stellte sich raus, dass ich einem Haufen Voreingenommenheit und Klischees unterlag. Natürlich kann man auch als Autistin sehr emotional werden. Natürlich kann man auch als Autistin verletzt sein, natürlich denkt man auch als Autistin an andere, natürlich geht all das. Nur eben anders. Zugegebener Maßen ist keine dieser Eigenschaften einer meiner herausregenden…. Nach einer Weile sagte ich: Super, ich funktioniere einfach anders.

Ein Fazit mit dem ich ganz gut leben kann. Tatsächlich finde ich es besser zu wissen immer schon Autistin gewesen zu sein, als die Vorstellung eine Situation oder ein Mensch hätte mich verändert. Die Diagnose wegen der ich in Behandlung war hieß: „Depression auf Grund eines Traumas“ eine Diagnose die mir jedes Gefühl vom Selbstbestimmtsein nahm. Ich wollte nicht zulassen dass jemand mit „kaputt gemacht“ haben sollte, versuchte mich zu zwingen anders zu sein. „Normaler“ und machte damit genau das kaputt was ich versucht hatte mit meinem Verstellen zu beschützen. Zwischenmenschliche Beziehungen und immer mehr auch mich. Ich verletzte dadurch andere Menschen, etwas was absolut meinen Ansprüchen an mich widerspricht. Ich geriet in einen Teufelskreis aus kleinen Erdrissen, Erschütterungen meiner Welt, mittelschwerer Erdbeben und zwischenzeitlichen Erdrutschen.

Es war ähnlich frustrierend als hätte man ein Puzzleteil ganze Zeit falschrum gehalten und als die Sache mit dem Autismus rauskam war es wie er Moment als man das Puzzleteil umdreht. Und plötzlich passte es.

Die Sache mit dem Autismus: – und plötzlich passt es.

Die Sache ist, dass es vorher viel gab was komisch war und bei den Diagnosen. Anpassungsstörung, Hypersensibilität, Depression, Trauma. Irgendwas hat da nicht zusammen gepasst. Das meinte auch meine Psychologin. Die Art wie ich von Sachen erzählte die mich unmittelbar betrafen, von Erlebnissen, von Menschen, besonders von negativen Situationen die mich verletzt haben könnten, sollten und auch haben.

Ich klang als würde mich mehr stören, dass ich‘s nicht verstehe als das mich die Sache selbst verletzen würde. Ein Satz der sehr gut meine Emotionswelt beschreibt.

Natürlich kann auch ich verletzt sein. So ca. drei Sekunden. Gut schon ein bisschen mehr, aber eben nicht lange. Ich kann mich an nichts erinnern was mich langfristig verletzt hat. Sicher ich war schon wütend auf Freunde, ich war enttäuscht wegen des Verhaltens von Menschen und ich war genervt ob der Sinnlosigkeit eines Streits. Aber ich könnte nicht behaupten mich zu erinnern wann ich das letzte Mal länger als einen Tag mit dem Gefühl verletzt worden zu sein konfrontiert war.

Nicht weil ich mich danach immer mit den Leuten vertragen hätte oder mir die Menschen dann egal wurden. Gut manchmal auch das. Aber in den meisten Fällen verpuffte das Gefühl einfach. Ich hab immer schon gesagt „Negative Gefühle sind mir einfach zu anstrengend“. Menschliches Verhalten ist Komplex, so Komplex, dass es mehr als Unmittelbare Situationen zu betrachten gilt. Mit dem Wissen, dass Menschen sich nicht aus Böswilligkeit mir gegenüber blöd verhalten kommt man mit blödem Verhalten relativ gut klar. Leider macht dieses „nichts auf sich beziehen“ es auch relativ schwer positives Verhalten auf sich selbst zu beziehen. Dieser extrem analytische Umgang mit den Emotionen anderer in Bezug auf meine Person und meinem völligen Unverständnis für diese (ob positiv oder negativ) hat meine Therapeutin stutzig gemacht und war der erste Anhaltspunkt für die Diagnose. Natürlich heißt das nicht dass alle Menschen mit Autismus so sind oder dass diese Eigenschaft aus allen mit dieser direkt Autist*innen macht. Autismus kann sich völlig verschieden Äußern.

Wie er sich bei mir Äußert:

Unabhängig von dem oben beschriebenen Gefühl oder viel mehr Nicht-so-richtig-Gefühl in Bezug auf zwischenmenschliche Konflikte, zeige ich natürlich trotzdem Emotionen. Wobei ich das meiste was Leute als Emotionales Auftreten ehr als Impulse oder Leidenschaftliches Vertreten eines Standpunktes beschreiben würde. Ich kann wütend aufspringen und laut aufschreien, wenn mich etwas nervt. Ich kann sehr viel lachen und auch sehr viel weinen und alles andere zeigen. Diese Regungen sind auch echt. Sie sind eben nur oft kurzlebiger, weniger stark mit der Emotion in mir verankert. Wie meine gesamte Nonverbale Kommunikation. Deswegen kann mich derzeit nicht besser erklären, als zu sagen, dass ich nicht unbedingt ein sehr emotionaler, sondern ehr ein Impulsiver Mensch bin.

Eine Unterscheidung, die banal wirkt, mir aber total hilft diesen Augenscheinlichen Widerspruch zwischen „Verhalten“ und „Empfinden“ für mich zu klären. Diese beiden Dinge haben sehr oft bei mir sehr wenig mit einander zu tun. Aber jetzt ergibt auch das endlich Sinn und ich kann es akzeptieren. Denn ändern werde ich es vermutlich nicht können.

Generell ergeben seit der Diagnose viele Dinge und auch Dialoge von früher mehr Sinn.Letztes Jahr meinte ein Freund: wenn man mich mit Leuten beobachtet von denen man weiß wie ich zu ihnen stehe vermittle ich nicht selten genau das Gegenteil durch mein Verhalten. Damals dachte ich: „mh stimmt“ und hab überlegt ob ich vielleicht unterbewusst meine eigenen Intentionen nicht wichtig genug finde. Ob ich so dermaßen gemocht werden möchte, dass ich deswegen nicht durchziehen zu Leuten scheiße zu sein. Zu der damaligen Diagnose (Depression, Vertrauensproblem, Trauma etc) hätte das gepasst, zu mir nicht! – Die Übersetzung von meinem Gefühl zu meiner nonverbalen Kommunikation funktioniert schlicht – überhaupt nicht. Der „Vorwurf“ einer Schulfreundin ich würde immer alles klären wollen.Das stimmt, ich kann ungeklärte Streitigkeiten sehr schlecht im Raum stehen lassen. Im Grunde hat das mit oben schon beschriebener Einstellung zu tun. Ich hab kein Problem damit wenn man sich danach nicht wieder verträgt. Aber sich einmal komplett aussprechen, damit man auch nichts mehr mit sich rumträgt und eben wirklich abschließen kann. Das finde ich viel wichtiger als sich zu vertragen. Etwas womit ich generell oft allein stehe, vor allem nach einem Streit. Egal ob Ex-Beziehungen oder Ex-Freundschaften, die wenigsten Menschen haben nach einem Streit das Bedürfnis Sachen zu klären.

Es ist nicht so als wäre diese Art mit Streit umzugehen Teil meines Autismus, aber er zeigt sich hier. Denn mir fehlt tatsächlich einfach das Verständnis für Emotionale Motive die einen vom Lösen eines Konflikts abhalten könnten. Konflikte sind wie Rechenaufgaben. Kennt man die Formel, kann man sie lösen. Ungelöste Aufgaben sind Kacke. Oder für die Mathehasser unter euch. Stellt euch ein Rätsel vor, das ihr nicht gelöst kriegt. Es schwirrt euch die ganze Zeit im Kopf rum. Nicht weil ihr traurig seid oder euch Vorwürfe macht, sondern weil ihr es einfach endlich lösen wollt.

Generell sind Menschen und vor allem zwischenmenschliches Handeln ist für mich wie eine mathematische Gleichung. Viele variablen und nur ein Lösungsweg den ich meistens nicht finde. Und wie früher in Mathe kann ich mich mit nicht verstanden Aufgaben nur sehr schwer abfinden. Also lernte ich auswendig. Zumindest die bekanntesten Formeln. Ich habe gelernt mich so zu verhalten, dass ich nicht ständig allen vor den Kopf stoße. An guten Tagen. An schlechten Tagen stoße ich permanent Menschen vor den Kopf ohne es zu merken und kann froh sein, wenn sie mich gut genug kennen um es nicht persönlich zu nehmen. An guten Tagen kann ich sogar Menschen trösten ohne einmal durch die Gegend zu schreien, dass ich Menschen hasse. Manche Menschen tröste ich sogar an schlechten Tagen. Zugegebener Weise bin ich da so oder so überhaupt nicht gut drin. Wenn für mich berechenbar ist was diese Person braucht bringt es was, ansonsten steh ich da mach Pat Pat Pat und bin innerlich absolut ratlos. Nicht nur ratlos, ich fühle mich absolut fehl am Platz. Was dabei mit mir passiert ist sehr schwer zu beschreiben. Weil es durchaus Situationen gibt in denen es mir nichts ausmacht zu trösten, dann wieder so viel dass es mir danach körperlich schlecht geht. Nicht etwa aus Mitgefühl, sondern viel mehr aus Unverständnis.

Ich beobachte Menschen also um sie zu verstehen und zu wissen wie sie von mir erwarten, wie ich reagieren oder handeln soll. Nicht weil ich will dass sie mich mögen, sondern schlicht weil ich sie nicht verletzen möchte. Das hat sich so verselbstständigt, dass es mir einerseits oft das Gefühl gab nicht selbstbestimmt zu sein, sondern nur zu reagieren. Zum anderen schon dazu geführt hat, dass ein Freund mal meinte man fühle sich ständig analysiert von mir. Eine unleidliche Nebenwirkung, denn ich mach das absolut unbewusst. Wer mich also für empathisch hält irrt sich, ich analysiere nur gelegentlich sehr gut.

Natürlich wirkt sich der Autismus nicht nur auf Emotionen aus.  Kommunikation, Umgang mit anderen, Strukturen (im Kopf, Alltag und bei Gesprächen) Wahrnehmung (Reizwahrnehmung). All das sind Themenfelder die davon beeinflusst sind. Wer mich schon mal bei einem Gespräch beobachtet hat, bei dem plötzlich zwischen Themen gesprungen wird kann auch bezeugen wie schlecht ich mit sowas umgehen kann. Wer schon mal eine meiner Trennungen erlebt hat wird bemerkt haben, dass mir der Strukturwechsel in meinem Alltag mehr ausgemacht hat als die Emotionale Nebenwirkung. Wer schon mal erlebt hat wie ich mich dem Tagesplan anderer unerwartet anpassen musste kann sicher bezeugen, dass ich dafür so meine Zeit brauche. Nicht dass ich es nicht kann. Aber ich brauch ganz klar mehr Momente für mich, als an Tagen der absoluten selbst- oder Mitgestaltung. Plötzliche Ablaufwechsel, egal ob kurz oder langfristig gesehen, sind meine „Bausteinmomente“, wie sie meine Therapeutin liebevoll getauft hat. Dann reagiere ich Impulsiv, fange plötzlich an zu weinen oder werde laut oder, weil beides nicht sehr Massen tauglich ist, ich werde sehr still und ziehe mich zurück. Wer mich im Alltag erlebt mag es kaum glauben, aber auch das gibt es bei mir. Für so „Bausteinmomente“ gilt es Strategien zu entwickeln. Für alles andere lernen den Unterschied zwischen schlechten Eigenschaften und Auswirkungen des Autismus  zu verstehen. Im Hinblick auf eigene Gefühle und meinen gesamten Charakter, es ganzheitlich zu verstehen und zu akzeptieren.

 

Was ich gelernt habe – Autismus & Co(o) akzeptieren.

Natürlich habe ich eigene Gefühle, allerdings übermitteln sich die häufig nur mir und oft auch noch sehr schlecht. Wenn sich so ein Gefühl mal wieder in meinem Unterbewusstsein ausbreitet ohne dass ich es versteh kommen tatsächlich Sätze zustande wie: „Ich glaub das verletzt mich tatsächlich gerade irgendwie!“ Zwischen meinem Inneren (nennen wir es Herz) und meinem Bewusstsein (Gehirn) gibt es also nicht nur eine gewaltige Diskrepanz. Nein, da existiert ein massiver Übersetzungsfehler.

Trotz allem haben natürlich auch Autist*innen (und da kann ich für alle sprechen) Gefühle. Man kann sie verletzen und sollte, wie mit allen Menschen, gut mit ihnen umgehen. Es geht hier nicht um die Nicht-Existenz von Gefühlen, sondern vielmehr um die Nicht-Wahrnehmung von diesen. 

Noch dazu kommt die auffällige Kurzlebigkeit und Instabilität meiner Gefühle. Teilweise weil es wirklich nur Impulse sind, teilweise, weil mir das „Verstehen“ – das Analytische – einfach präsenter ist.  Trotzdem gibt es in meinem Leben Sympathien, Freundschaften und Liebe. Das durch gängigste Gefühl bei mir, das tatsächlich den Begriff Emotion verdient hat, hat allerdings tatsächlich etwas nur mit mir zu tun. Es ist so eine grundlegende Zufriedenheit mit mir und meinem Leben. Nicht das alles super läuft, das nicht. Aber ich bin alles in allem sehr optimistisch und habe diese „Am Ende wird alles gut und ist es nicht gut ist es nicht das Ende“ Haltung. „Wenn man mit Menschen zusammen gehört findet man zusammen, wenn nicht dann nicht.“, „Leave it or change it“. Das ist auch wieder irgendwie rational und pragmatisch sorgt aber für eine sehr entspannte Grundstimmung bei mir. Zumindest, wenn ich nicht gerade durch irgendwelche anderen Reize oder nicht entschlüsselten Gefühle aufgewühlt werde. Am glücklichsten bin ich meistens allein, das hat mich lange traurig gemacht weil ich dachte das käme durch das „kaputt gemacht worden sein“ und weil ich so fremdbestimmt eben nicht sein wollte. Da hab ich mich dann also unter Leute gezwungen, an Tagen an denen ich nicht wollte, mich dann aber noch schlechter gefühlt, also war ich noch glücklicher wieder allein zu sein… Ergebnis davon war dass ich noch trauriger war, teilweise geweint habe weil ich mich so schlecht gefühlt habe dass ich mich so wenig drüber freuen kann, dass Menschen mich dabei haben wollen, weil ich dachte jemand hat mich so verändert. Die alte Diagnose hat mein stabilstes Gefühl ins Wanken gebracht und das hat sich in jeder Hinsicht bemerkbar gemacht. Nichts hat mehr Auswirkungen auf sein Leben und vor allem auf zwischenmenschliche Beziehungen, als sich selbst nicht akzeptieren zu können. Das gilt übrigens auch für Menschen ohne Autismus.

Was ich noch lernen muss / was ich noch lernen will:

Vieles. Am meisten bedauere ich zurzeit, dass man mir so selten bei Entschuldigungen authentisch wirke. Nicht weil ich sie nicht ernst meinen würde. Ich würde mich nicht entschuldigen, wenn ich nicht dahinter stünde. Sondern oft schlicht, weil mein nonverbales nicht die gleichen Signale aussendet, wie das was ich sage. Blöd auch, dass gezieltes einsetzen von Nonverbalem bei mir sofort aufgesetzt wirkt und das durchdringende Emotionen dann gleich wieder so heftige Nonverbale Reaktionen zeigt, dass es völlig überzogen wirkt. Diese vielen zu schon vielen Missverständnissen geführt habende Auswirkungen von miserabler Nonverbaler Kommunikation möchte ich sehr gern aus dem Weg räumen. Aber ganz weggehen wird das vermutlich nie. Spontane Überlegung: Vielleicht ist das der Grund, warum ich das Gefühl habe mich mit schreiben so viel besser ausdrücken zu können. Keine Nonverbale Ebene – Yeah!

Ich möchte lernen Menschen frühzeitig zu erklären wie ich bin, wie ich funktioniere. Ein Grund mehr, mich verstehen zu müssen. Nicht weil ich narren Freiheit will. Sondern weil ich niemanden verletzen möchte, wenn ich nicht wie erwartet reagiere und weil ich aufhören will nach Erwartungen zu reagieren. Weil ich will dass die Menschen um mich den Unterschied kennen, zwischen Auswirkungen des Autismus und schlechten Eigenschaften für die ich Kritisiert werden möchte.

Ich möchte lernen Menschen zu zeigen, dass ich sie lieb hab ohne dass sie sich dadurch unter Druck gesetzt fühlen, weil sie glauben, dass sei etwas schrecklich Besonderes und ich würde augenblicklich emotional abhängig von ihnen werden weil nur sie mir Gefühle geben könnten. Und ich will nicht Menschen verletzen, weil ich nicht weiß wie man jemandem sagt, dass ihre Gefühle für einen nicht verstehen kann, obwohl man keine Selbstzweifel hat oder dass sie nichts Besonderes für einen sind, weil alle Menschen was Besonderes sind und das eigene Emotionale Spektrum für Mitmenschen irgendwie anders aussieht als: Mag ich nicht – mag ich – mag ich sehr – liebe ich.

Einfacheres Leben – Ohne Autismus?

In den letzten fünf Monaten hab ich viel Nachgedacht. Gelesen, über Autismus mit meiner Therapeutin und meinem näheren Umfeld gesprochen. Eins der Interessantesten Gespräche ging darum, ob ich anders sein wollen würde. Ob ich, wie bei der Epilepsie, gern Tabletten dagegen nehmen würde. Nein. Das würde ich nicht.

Ich bin auch froh gegen die Epilepsie keine mehr zu nehmen. Ich bin froh, dass es keine Depression war, das mich nur dieses Unverständnis dafür was mit mir los ist so durcheinander gebracht und traurig gemacht hat. Dass ich nicht gegen mich ankämpfen muss, weil ich den Autismus nicht bekämpfen kann, sondern nur lernen muss anders mit ihm um zu gehen. Lernen, dass nicht alles was mich an mir nervt von irgendwas Psychologischen Knacksen kommt, sondern ein Teil Autismus ist, dieser angeboren ist und ich am anderen Teil arbeiten kann. Das ich mir nicht mehr vorwerfen kann (gemusst hab ich es nie) dass ich zugelassen hätte, dass mich jemand kaputt gemacht hätte. Klar bleiben einige Trigger von der Vergewaltigung. Klar bleiben die Phasen in denen ich völlig überladen bin, obwohl Augenscheinlich nichts ist und ich schon viel stressigere Situationen hatte. Overloads heißen die. Das weiß ich jetzt und nun lerne ich damit umzugehen und mich nicht dann noch immer weiter zum Funktionieren zu zwingen. Klar bleiben Eigenschaften mit denen ich mir das Leben schwer mache und klar bleiben unnötige Unzulänglichkeiten. All das bleibt und all das ist Okay. Ich kann weiter an mir arbeiten, aber ich kann mir keinen Vorwurf mehr machen, dass ich manche Dinge an mir nicht ändern kann. Und Irgendwie, machen mich einige Dinge, die mit dem Autismus zu tun haben, auch irgendwie aus.

Eine Freundin meinte kürzlich zu mir: „du wirkst so krass viel im reineren mit dir als ich.“ Erst dachte ich, das ist Quatsch. Gerade weil ich so oft Emotional völlig Chaotisch bin und widersprüchlich Handle und Fühle. Aber im Grunde hat sie Recht. Denn bei allem was ich heute anders machen würde, bereue ich keine Entscheidung, schäme mich für keine meiner Eigenschaften und würde mir weder die Epilepsie noch den Autismus weg wünschen. Ich mag die Momente wenn alle durchdrehen und ich daneben stehe und ehrlich gestehen kann: ich versteh euch nicht und das ist gut so. Ich kann meine Freunde ultra Sachlich beratschlagen gehe nach Hause und hab mit den Dingen die mir erzählt wurden abgeschlossen. Ich werde nie sonderliche Empathisch sein, aber ich bin eine gute Ratgeberin, weil ich immer eine gewisse Grunddistanz zu Dingen habe. Wenn Dinge passieren die mich verletzen sollten zerfließe ich nicht, ich denke drüber nach ob es mich nicht mehr berühren sollte. Als ich noch nicht wusste was los war hat mich das traurig gemacht. Inzwischen ist es völlig in Ordnung.

Ich werde vielleicht nie auf Anhieb authentisch zeigen können, dass mir etwas Leid tut. Aber genauso gut wie man mit mir streiten kann, kann man sich laut meinem größten Kritiker (Papa) mit mir vertragen. Und dann gibt’s bei langen Gesprächen, ob Nachts, am Meer, angetrunken oder einfach nach vielen Jahren in denen man mich kennt oder nach vielen Streits die ein halbes Jahr einander kennen wie Jahre wirken lassen, die Momente wo all das wegfällt und man mir ansieht, dass ich das was ich sage ernst meine.

Und dann bin ich doch wieder wie alle anderen Menschen. Denn auch wenn ich anders funktioniere, gibt es auch für mich eine Formel, die man irgendwann versteht, wenn man die Variablen kennt.

Man darf nur nicht mit dem falschen Ansatz rechnen.

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