Hallo Presse, halt doch bitte mal die Fresse.

Als ich gestern Vormittag den Computer anmachte, Artikel aufrief, für die Uni texte suchte, stolperte ich wie immer wenn man online arbeitet über Facebook und von Freunden geteilte Inhalte. Nun hab ich das Glück, dass ich mich selten über die Kommentare von Freunden aufregen muss. Stattdessen erregt zunehmend die Darstellung der Presse selbst Ärgernis. Woran ich selbst schuld wäre, wenn ich die Bild lesen würde. Aber nein, Süddeutsche, Welt, Taz und die Zeit sind es die für meinen Geschmack etwas zu schnell Berichte drucken lassen. Die jüngsten Artikel der Süddeutschen (21.Juni) und der Zeit (30.Juni) drehen sich um die Verschärfung des Sexualstrafrechts. „Nein heißt nein“ soll es bald heißen. Eine wünschenswerte Veränderung die nun als Bedrohung dargestellt wird. Sabine Rückert (Zeit) und Svenja Flaßpöhler (Süddeutsche) haben geschrieben. Das Internet reagiert. Seit gestern Abend gibt es zahlreiche Kommentare und Reaktionen auf den Artikel der Zeit. Hier meine Reaktion zu beiden Artikeln. Es sei eine Einschränkung der Freiheit heißt es. Die Gefahr, dass Männer unschuldig angezeigt würden wird als aller erstes in den Raum gestellt. Svenja Flaßpöhler möchte aufklären – darüber dass sich auf den Staat verlassen nicht reicht, dass Autonomie gelebt werden muss und reproduziert damit nur erneut die vermeidliche „Selbstverschuldung“ der Frau. Natürlich sollte das eigene Selbstbild nicht über die reine Negation stattfinden, doch sich gegen einen Mann oder die bestehende Gesellschaft durchzusetzen hat nichts mit Negation zu tun. Auch nur den Rückhalt den Gina-Lisa durch Feminist*innen erfährt in Frage zu stellen, ist ein absoluter Widerspruch zu der vorherigen Betonung, dass auch Frauen die sich wie Barbiepuppen kleiden vom Staat geschützt werden müssen. Plötzlich ist sie in ihrem Kampf gegen diese Männer aber weniger heldenhaft, weil sie ja nur den Männern gefallen will. Reproduktion des patriarchischen Frauenbilds, welches sie zuvor noch mit Rousseau, Foucault und Lacan erklärt, wo man hinschaut. Ihr Kritikpunkt an der Verschärfung, die „Gefahr“ die von dieser ausgeht sei, dass Frauen Männer zu Unrecht beschuldigen, anzeigen und verklagen. Der Imageschaden der dadurch entstünde sei bekannt und gerade wenn es um sexuelle Übergriffe in Beziehungen ginge sei diese Sorge angeblich begründet. Es braucht nicht viel um heraus zu lesen, dass sie Frauen für emotionaler, rachsüchtiger und labiler hält als Männer. Erneut nur eine Reproduktion eines Bildes welches sie vermeidlich anprangert. Mehr noch, dass dieses Bild weiterhin existiert, sieht sie in der Verantwortung der Frauen, die sich von Opferrollen, Negation und „Verlassen auf den Staat“ emanzipieren sollen. Dass das gemeinschaftliche Erkämpfen eines stärkeren Gesetzes Teil dieser Emanzipation gegenüber des Patriarchats ist, dass damit die Augen der Gesellschaft gezwungen werden sich mit der bestehenden und durch Gesetze, Medien und Presse aufrecht erhaltenen Rapekultur und Bedrohungsszenarien im weiblichen Alltag auseinander zu setzen blendet die Autorin aus.

Der Artikel der Zeit geht noch weiter. Hier ist die Anschuldigung, dass Frauen nun im Nachhinein entscheiden was Vergewaltigung war und was nicht, bereits in der Kurzbeschreibung des Textes / auf dem Titelbild zu finden. Enden tut er mit Fallkonstrukten in denen das „Nein heißt nein“ angewandt werden könnte. Sabine Rückert schließt mit der Annahme, dass nun ja Zärtlichkeit bedürftige Frauen die ihren Mann trotz dessen Nein beim Fußballschauen mit ihren Avancen stören angezeigt werden könnten. Ich möchte mich hier um Ruhe und Sachlichkeit bemühen jedoch: Bitte was!!?? Mehr Stereotyp war wohl gerade nicht zur Hand. Die Autorin tut gerade so als sei Anzeige zu erstatten ein lustiges und einfaches Unterfangen, dass man mal hier mal da machen könnte. Auch bei ihr wird wiedermal nur ein Frauenbild aufgezeigt welches die Frau als grundsätzlich labiler als der Mann darstellt und von Emotionen und „Zärtlichkeitsbedürfnis“ geleitet ist. Ihrer Meinung nach wird durch die Verschärfung der Strafbestand „aus der Objektivität heraus“ „in die persönliche Deutungshoheit“ der Opfer gelegt. Wer wenn nicht die Betroffenen können sagen ob sie etwas wollten oder nicht? Der Artikel stellt die Frage „Woran erkennt man den Widerwillen am Sex?“ in den Raum. Da stelle ich mir die Frage: Wie kann einem das entgehen? Ist es wirklich so schwer zu bemerken ob die Partnerin oder auch der Partner, sich aktiv beteiligen, Leidenschaft zeigen oder man ihnen anmerkt, dass sie sich bei und mit einem wohlfühlen? Svenja Flaßpöhler beschreibt es in der Süddeutschen anders. Sie behauptet es läge „im Wesen der Verführung“ sich zwischen Ja und Nein zu bewegen. Dass mit beiden Herangehensweisen der Autorinnen, beiden in Fragestellungen des „Neins“ Leuten wie Julian Blanc und anderen, teilweise kürzlich in der Presse gewesenen, „Pick-up Artists“ in die Hände gespielt wird. Die behaupten ein Nein sei „Koketterie“ (Ein Wort das auch im Artikel der Süddeutschen fällt) und man wolle sich damit nur interessant machen, wird völlig unreflektiert gelassen. Die Auffassungen der Autorinnen zeigen dass die Aussage „Nein heißt Nein“ und noch längst nicht gesellschaftlich durchgedrungen ist. „Nein“ wird noch immer viel zu oft als „sich interessant machen“ verstanden und nicht als Absage ernst genommen. Der Artikel der Zeit stellt zusätzlich jede*n Politiker*in die sich für die Verschärfung einsetzen als Methode sich Stimmen zu sichern dar. Natürlich sind da einige bei die 2015 die Verschärfung noch blockierten, jetzt aber unterstützen. Natürlich wird nicht bei allen die Einsicht gekommen sein, vielleicht aber (auch durch den Fall Gina-Lisa) doch bei einigen. Sabine Rückert stellt es dar als sei es eine neue Erkenntnis, dass Politiker*innen sich von aktuellen Themen oder Interessensvertreter*innen beeinflussen lassen. Die Zeit listet die Unterstützer*innen der Verschärfung auf. Frauenverbände, Nothilfestellen und ähnliche Organisationen finden sich darunter. Hier haben immerhin mal die Interessensvertreter*innen mit einem humanen Anliegen in der Öffentlichkeit Gehör gefunden und keine Wirtschaftsvertreter*innen in einem Hinterzimmer. Eigentlich doch etwas Gutes. Die Autorin der Zeit unterstellt den Unterstützer*innen der Reform zudem auszublenden, dass die Vergewaltigungszahlen in Deutschland seit Jahren zurückgingen. Die Autorin nennt weder Zahlen oder Quelle für diese „Fakten“ noch scheint sie einen Unterschied zwischen Vergewaltigungen, Anzeigen und Dunkelziffern zu machen. Sieht man sich alle drei Zahlen an, geht vermutlich höchstens eine zurück. Die der Anzeigen. Die Darstellung beider Autorinnen, dass Sex etwas Intimes sei in dass sich der Staat nicht einzumischen habe (Süddeutsche) und dass nun Misstrauen in etwas Schönes einzöge (Zeit) zeigt nur wie viel präsenter die Fälle der falschen Anschuldigungen sind als die tatsächlichen Fälle sind. Wie wenig sensibilisiert Menschen, auch Frauen, sein können die offenbar keinen Zugang zu diesem Thema und realen Fällen haben. Es ist wenig verwunderlich, dass die Gesellschaft so wenig sensibilisiert ist. Selbst bei der Kinderserie „Schloss Einstein“ gibt es eine Folge bei der eine Schülerin einen Lehrer zu Unrecht beschuldigt sie bedrängt zu haben. Die Folge soll vermutlich dafür sensibilisieren wie schwerwiegend diese Anschuldigung ist. Fraglich effektiv, da Kinder in dem Alter ihren Zugang zur Sexualität gerade erst entdecken. Zudem fraglich ob es Kinder nicht eher auf die Idee bringt jemanden zu beschuldigen und ob wir wirklich schon an dem Punkt zum Schutz der Männer Kinder zu sensibilisieren sind. Sollte nicht erst mal zum Schutz der Kinder selbst die gesamte Gesellschaft dafür sensibilisiert werden was es bedeutet Opfer eines Übergriffes geworden zu sein, was das mit dem leben und der Psyche macht? Liebe Zeit, liebe Süddeutsche: Ist es wirklich euer Interesse Teil einer Gesellschaft zu sein und diese mit euren berichten aufrecht zu erhalten, die Täter*innen mehr schützt als Opfer? Sollen die vermeidlichen „Gefahren“ dieses Gesetzes wirklich präsenter sein als die Notwendigkeit dieses Gesetzes. Die Notwendigkeit, nicht nur um bisher ungeahndete Fälle Strafbar zu machen. Nicht nur um Selbstbestimmung auch auf den absolut privatesten Bereich ernst zu nehmen. Nicht nur weil so viele Stimmen dafür nun so laut werden. Sondern auch um unser Gesetzbuch dem Jahr 2016 endlich ein Stück näher zu bringen. Diese Artikel zeigen einmal mehr wie viel noch umgedacht werden muss. Wie viele Klischees, Stereotype und vermeidliche Gefahren aus den Köpfen verbannt werden müssen. Wie sehr die Menschen sensibilisiert werden müssen, damit sie nicht erst selbst Opfer werden müssen um zu verstehen was es bedeutet Opfer eines Übergriffes geworden zu sein. Liebe Autorinnen, Liebe Redaktion: Presse- und Meinungsfreiheit sind etwas Wunderbares. Ich finde es auch super, dass ich meine Meinung zu euch frei äußern und veröffentlichen darf. Dennoch steht eure Rolle in der Gesellschaft ein wenig anders als meine. Diese Artikel sind alles andere als reflektiert, alles andere als recherchiert oder fundiert. Es mögen Kommentare sein, doch das schützt euch nicht vor der Verantwortung die Auswirkung euer Wort mit zu tragen. Dass die Redaktion hinter solchen Meinungen steht, sie im Falle der Zeit sogar in die Print Ausgabe nimmt, kann mich bei Zeit und Süddeutschen nur, leider immer wieder, wundern. Dass die Autorinnen jedoch dermaßen unreflektiert in die Hände von Tätern, Gesetzesgeber*innen, Patriarchat, Pick-Up Artists, das bestehende Frauenbild etc. Spielen ist mir einfach unverständlich.

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